Silbermedaille 23|24
Studentische Abschlussarbeit

ZURÜCKGEBAUT

Das »Rheinische Braunkohlerevier« ist der größte Tagebau seiner Art in Europa. Es prägt die Region seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Beginn des systematischen Braunkohleabbaus. Die seither gewonnene Oberhand der Industrie formt diese eigenwillige und durch den fortschreitenden Ressourcengewinn stets von Abwandlung gezeichnete Landschaft, die Natur und Gemeinden zurückdrängt, verschiebt oder gänzlich zum Verschwinden bringt. Die dort lebenden Menschen mit ihren sozialen und kulturellen Bedürfnissen ordnen sich der industriellen Infrastruktur unter. Auch die Natur, die nach ihren eigenen Gesetzen zu leben vermag, unterliegt dem Takt der Abtragung, dem mit dem beschlossenen Kohleausstieg ein nahes Ende bevorsteht. Es ist kontinuierliches Abstecken und Verschaffung von Räumen. Diese Umsiedlungsprozesse rückt die fotografische Langzeitarbeit »Zurückgebaut« in den Blick. Hausecken, Auffahrten, Straßenzüge – die Bildausschnitte variieren zwischen der Erfassung von Gebäudekomplexen und herausgearbeiteten Details. Ein paar Baumaterialien lassen sich immer wieder finden und untermauern die Tristesse durch visuelle Eintönigkeit. Zäune und Mauern verkürzen den erkundenden Blick. Soziales Miteinander ist nicht sichtbar, vielmehr dominiert der Eindruck einer gelebten Zurückgezogenheit und der Abschottung. Sukzessiv ergibt sich ein Zusammenspiel aus Bildern der unbewohnten, architektonischen Hüllen in den verlassenen Orten, die sich mit Aufnahmen von den meist nur ein paar wenige Kilometer weiter liegenden neuangesiedelten Retortenstädten verbinden. Regelmäßig werden diese durch Bilder von riesigen Kraftwerken, Absperrungen und befremdlichen Erdlandschaften unterbrochen und in ihren geografischen und landschaftsgeschichtlichen Kontext gerahmt. Es zeichnet sich der Charakter einer künstlerischen Feldforschung ab, die der Dynamik von räumlichen und zeitlichen Grenzen und ihrer Verrückbarkeit auf der Spur ist. Die vereinzelten Abbildungen des umliegenden Industrieapparates reichen aus, um das unausgeglichene Machtverhältnis zu verdeutlichen, in dem der Konzern RWE dem Ertrag zuliebe agiert und das Zuhause einer Vielzahl von Menschen seit Generationen begrenzt, darauf einwirkt und zu Gunsten der Kohlegewinnung austariert. »Zurückgebaut« ist eine vehemente und genaue Beobachtung von der Auswirkung mittlerweile überholter kapitalistischer Strukturen auf Landschaft sowie soziale und kulturelle Gefüge, und erfasst am bevorstehenden Wendepunkt den Zwischenzustand aus Vergehen und Neuentstehen. Da der generationsübergreifende und die Region kontrollierende Glaube an die Ressource Kohle gebrochen ist, bleibt zudem die noch dominierende Industriemacht in einem letzten Verharren erfasst. Das Buch ist als Teil der meiner Abschlussarbeit in einer Künstleredition erschienen. Im Rahmen der Ausstellung wurde sie mit variierenden, die Ziegelsteinstruktur der Fassaden aufnehmenden, Cover-Versionen gezeigt und fungierte über ihre eigentliche Form hinaus auch als skulpturales Element im Raum. Der Umschlag aus Naturpapier mit Lasergravur dient als Lesezeichen für den Index, der die Bilder geographisch verortet. Teil des Buches sind außerdem Textbeiträge, die das Sujet theoretisch aufgreifen und erläutern. Zudem führte ich ein Gespräch mit dem den Autor und Filmemacher Dieter Wieland über Gemeinsamkeiten in der Bildsprache oder die Unwirtlichkeit zeitgenössischen Bauens, welches – ergänzt mit Zitaten aus Wielands Werk – für die Publikation verwendet werden durfte.

Bildautor*innen: Mara Pollak

Textautor*innen: Dieter Wieland, Sammy Khamis, Christina Maria Ruderer, Mara Pollak

Gestaltung: Jonas Hirschmann

Herausgeber*innen: Mara Pollak

Verlag: Self-Publishing

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